Sky So High

Und so werde ich langsam zum Mittelpunkt in meinem Leben.

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Nachdem die ersten Tage hier in Australien wirklich sehr turbulent waren, ging es jetzt erst mal etwas ruhiger weiter. Am Anfang hatte ich immer das Gefühl, ja fast schon den Zwang, immer krampfhaft etwas erleben zu müssen! Schließlich soll das hier eine unvergesslich coole Zeit, ja am besten sogar gleich das beste Jahr in meinem gesamten bisherigen Leben, werden.
Bloß nicht zu lange schlafen, möglichst viele Leute kennenlernen, tolle Gespräche führen, viele Ausflüge machen, viel erleben, das Wetter genießen, ..

Wahrscheinlich kommt dieser „Zwang“ auch daher, weil ich bisher immer nur für ein paar Wochen verreist bin, und daher immer das Gefühl hatte, diesen kurzen Zeitraum auch optimal ausnutzen zu müssen. Aber das hier ist anders.
Ich bin hier voraussichtlich ein Jahr! Das ist kein Urlaub! Keine einfache Backpacking Tour! Aber ein Leben möchte ich mir hier ja auch nicht aufbauen, immerhin ist das ganze ja schon auch zeitlich begrenzt .. aber wie soll ich das ganze denn dann einordnen?

Hilfe! Wo ist das Ziel in meinem Leben? Der Mittelpunkt, um den sich alles dreht?

Eigentlich eine ziemlich traurige Angelegenheit.
Mir ist klar geworden, dass ich im Moment gar kein Ziel im Leben habe. Ok, das ist an sich erst mal noch nicht traurig, aber:
Seit ich denken kann, hatte ich ein Ziel. Eine Aufgabe. Etwas zu erledigen.

Angefangen hat es mit dem Kindergarten, wo ich täglich hinmusste. Dann ging es weiter mit der Grundschule, Realschule, Ausbildung, Arbeit. Der ganz normale Werdegang eben. Ich hatte immer etwas im Leben, wofür ich ich arbeiten musste, etwas, das mein Lebensmittelpunkt war, worum sich alles gedreht hat. Ich hatte also immer ein Ziel, auf das ich hingearbeitet habe. Die nächste Schulaufgabe, das Abschlusszeugnis, eine Gehaltserhöhung. Der nächste Schritt wäre dann wohl ein Haus, Familie, usw. gewesen.
Aber diese ganzen Ziele habe mir eigentlich niemals selbst ausgesucht. Ich hatte immer das Gefühl, sie erledigen zu müssen, ohne dass ich es aber eigentlich wollte. Ich musste mich ja in die Gesellschaft eingliedern, und da gehört das einfach dazu. Ich kann ja dann am Wochenende oder in meinen 24 Urlaubstagen pro Jahr das tun, was mir eigentlich Spaß macht ..

Und jetzt kommt der traurige Teil: Ich weiß im Moment gar nicht, wie ich ohne eines dieser Ziele, die ich ja eigentlich nie wollte, vor denen ich  sogar bis ans Ende der Welt abgehauen bin, meinen Alltag überbrücken soll. Bin ich schon so zum Teil dieses Systems geworden, dass ich ohne Pflichten, die man mir vorgibt, gar nicht so richtig weiß, was ich mit mir anfangen soll? Allein dieser Gedankengang: Ist das nicht traurig?

Alle, die ich bisher kennengelernt habe, haben bereits Pläne für ihr späteres Leben. Die meisten bleiben nur ein paar Monate, weil sie danach anfangen zu studieren. Aber ich habe gar keine Zukunftspläne. Also absolut gar nichts, an das ich mich auch nur irgendwie klammern könnte ..

Hey! Bin ich etwa gerade dabei, zum Mittelpunkt meines eigenen Lebens zu werden!?

Es wird noch trauriger: Ich kann mit so viel Freiheit im Moment gar nicht umgehen. Warum? Weil ich mich das erste Mal in meinem Leben nur mit mir selbst auseinandersetzen muss! Es gibt keine doofe Schule, die daran Schuld ist, dass ich in in der Früh das Bett nicht verlassen möchte. Keine blöden Arbeitskollegen, über die man sich aufregen kann, wenn man schlechte Laune hat. Keine Zukunftspläne, wie eine Wohnung oder ein Auto, die mich an meinem Job festhalten lassen, obwohl ich nicht nicht mag. Nein, ich habe im Moment wirklich keine Pflichten. Es geht ganz alleine um Mich! Wenn ich Abends ins Bett gehe, und der Tag nicht gut war, dann bin nur ich ganz alleine daran schuld, weil ich ihn nicht so gestaltet habe, wie er mich glücklich gemacht hätte. Denn ich besitze nun die Freiheit, alles genau so zu gestalten, wie es mich glücklich macht! Ich bin der Mittelpunkt in meinem Leben! Ich bin es, um den sich alles dreht! Und um nichts anderes!

Aber wer bin ich denn, und was will ich eigentlich? Was macht mich denn glücklich?

Die Antwort darauf hoffe ich noch zu finden. Der erste Schritt ist aber schon getan: Ich mache hier nichts mehr krampfhaft, weil ich das Gefühl habe, sonst etwas zu verpassen! Wenn ich keine Lust darauf habe, ein Gespräch anzufangen, mache ich es nicht. Und wenn am Freitag Abend alle gemeinsam weggehen, ich aber keine Lust habe, sage ich NEIN. Die Kunst dabei ist, sich trotzdem gut zu fühlen, und nicht das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen.

Mir fiel das in der Vergangenheit immer sehr schwer. Auch jetzt gerade im Moment fühlt es sich irgendwie komisch an. Die anderen könnten ja so viel Spaß haben, so viel erleben, während ich hier alleine im Zimmer sitze?! Aber: Ich habe heute einfach wirklich keine Lust auf feiern. ICH. Und daher bin ICH glücklich, und habe nicht das Gefühl, ich verpasse etwas. Und es fühlt sich gerade richtig gut an, nur auf mich selbst zu hören, und wirklich nur das zu machen, was ich möchte. Und diese Worte hier gerade so offen niederzuschreiben, das ist wirklich erfüllend. Es macht mich glücklicher als billiger Wein und schlechte Musik!

(Kennt das Gefühl mit dem Verpassen noch jemand? ..)

Ein bisschen muss ich mir das ganze zwar noch einreden, aber ich arbeite daran, viel stärker auf meine eigene Stimme zu hören! Und seit ein paar Tagen mache ich wirklich Fortschritte..

Wer schreibt hier?

Hi, ich bin Alex! Reisen war schon immer meine Leidenschaft. Nach vielen Trips quer durch Europa und knapp einem Jahr in Australien, bin ich jetzt erst mal wieder in Deutschland gestrandet. Da mich allerdings der "Travelbug" gebissen hat, geht das Reisen natürlich weiter! Hier findest du Erfahrungen aus erster Hand, hilfreiche Tipps und Empfehlungen. Enjoy!

9 Comments

  1. Robin 8. November 2014 at 12:50

    Alex, super Beitrag. Bitte mehr davon.

    Aber nun zum eigentlichen Thema. Wenn ich deine Worte so lese muss ich ganz oft an mich denken. So wie ich vor meiner großen Reise war. Immer hatte ich das Gefühl etwas zu verpassen wenn Freunde aus gingen, sei es nur in die immer gleiche, verranzte Bar. Ich hatte quasi den Zwang auch mit dort hin zu gehen, auch wenn ich es gar nicht wollte.

    Heute bin ich an dem Punkt angelangt an dem ich einfach nein sage wenn ich es nicht wirklich will. Ich will keinen Burger essen, will heut kein Bier trinken und will heut einfach mal auf der Couch liegen. Dann mache ich es und fühle mich nicht schlecht. Das habe ich gelernt in der letzten Zeit. Wenn ich dann zu Freunden sage: Ich mache, was ich will, klingt das für Sie arrogant, aber auch das ist mir egal. Wir müssen uns mit uns beschäftigen und nicht darüber nachdenken etwas zu verpassen, das Leben hat mehr zu bieten als Dinge die man nicht will.

    Ich könnte über dieses Thema ewig philosophieren…

    Der Punkt ist aber, dass du es auch noch Lernen und relaxter werden wirst. Du hast ein Jahr Zeit. Mach dir keinen Stress und genieß die Zeit. Wenn du keinen Bock hast mit dem komischen Typen in der Küche zu quatschen dann lass es und wenn du dich nach Arbeit und einem anderen Mittelpunkt als dir selbst sehnst dann such dir nen Job in Australien. Du wirst es nicht bereuen.

    LG aus Peru.

    • Alex 10. November 2014 at 1:13

      Tut gut zu hören, dass ich nichts als einziger so denke .. :)

      Ja, das Leben ist ein ewiger Lernprozess, und ich bin gespannt, wie es mir nach Australien geht. Wird mich auf jeden Fall verändern..
      Und einen Job suche ich hier übrigens gerade.. ist aber leider gar nicht mal so einfach.. aber wird schon.

      LG

  2. Nuria 8. November 2014 at 22:46

    Hallo Alex!

    Tja, diese gesellschaftlich vorgegebenen Ziele und Anforderungen werden einem so früh und so kontinuierlich eingetrichtert, dass es mitunter schwer fällt, mit neu gewonnener Freiheit und Ziellosigkeit umzugehen. Ich vermute, das werde ich nächstes Jahr vermehrt feststellen, wenn meine Tochter nicht mehr bei mir lebt und ich nach 20 Jahren plötzlich wieder nur noch für mich verantwortlich bin.

    Ich bin gespannt auf deine weiteren Australien-Berichte. Es wird unvergesslich bleiben und dich prägen, davon bin ich überzeugt.

    Liebe Grüße,
    Nuria

    • Alex 10. November 2014 at 1:11

      Hey Nuria,

      da hast du absolut Recht! Bin gespannt, wie es dir dann dabei ergeht.. :)

      Ja, das denke ich auch!

  3. Michelle, Saskia, Artis, Benni 11. November 2014 at 13:22

    Hey Alex!

    Deine Alten Kollegen schreiben dir diesen Text nur, damit du dich mal so richtig über sie aufregen kannst ;D

    Heute hat die 101 mal wieder angerufen.. UND LOS!

    Viel Spaß noch auf deinem Weg und bis zum Ziel!

    Wir glauben an Dich! Schreib uns 😉

    Lieben Gruß,
    Deine DWF-Azubis

    • Alex 11. November 2014 at 13:30

      Hey Leute!!

      Freut mich ja voll von euch zu hören! Hoffe euch allen gehts (den Umständen entsprechend) gut.. 😉
      Ohoh, ich kann nur sagen: stark bleiben! Ich glaub auch an euch, haha 😀

      LG zurück!

  4. Lina 14. Dezember 2014 at 14:45

    Hey Alex,

    ich bin seit knapp 3 Monaten in Australien und mir ging es anfangs genau wie dir! Ich hatte immer das Gefühl, ich muss so viel wie möglich erleben, auf jede Party mit auch wenn ich keine Lust hab, ich könnte ja schließlich was verpassen! Und außerdem soll das ja schließlich die beste Zeit meines Lebens werden. Aber wieso mitgehen wenn ich keine Lust habe? Das habe ich mittlerweile auch gelernt. Wenn ich nicht mit will, geh ich nicht mit, ist ja schließlich mein Leben :) Schön, dass ich nicht die einzige bin, die so denkt 😀
    Genauso wars mit dem planen/organisieren. Ich hab mich die ganze Zeit schon gefragt wieso ich die ganze Zeit so einen Drang habe jeden Tag vollzustopfen mit Erlebnissen, Ausflügen und so weiter. Dein Gedankengang mit den bisherigen Urlauben gefällt mir, ich glaube das ist auch der Grund bei mir. Danke dafür :)

    Toller Blog!

    Liebe Grüße aus dem sonnigen Perth,
    Lina :)

    • Alex 23. Dezember 2014 at 12:07

      Hey Lina,

      danke dir für den tollen Kommentar! Mir tuts auch gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin der so fühlt :)
      Ich wünsche dir noch ne tolle Zeit!!

      LG aus dem regnerischen Sydney :)

  5. Christian 18. Februar 2015 at 15:13

    Hallo Alex,
    bin gerade das erste Mal (das ich sowas noch erleben darf :-) auf Deiner Seite und habe Deine persöhnlichen Gedanken gelesen. Habe mich dabei an meine eigenen Reisen vor langer Zeit erinnert und kann Deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Nach Australien hat es mich bisher noch nicht verschlagen aber ich glaube das dies der richtige Kontinent ist um die Reise zu sich selbst zu beginnen, um mehr über sich selbst rauszubekommen. Nachdem Du es geschafft hast aus dem tagtäglichen Hamsterrad auszubrechen kann ich Dir raten, Kontakt zu den Ureinwohnern zu suchen, Vorurteile beiseite zu schieben und Dich auf eine ganz andere „Denke“ einzustimmen um den „Westler“ in Dir ein paar Facetten einzubauen die Dir im weiteren Leben helfen werden alles ein bischen relaxter und differenzierter anzugehen.
    Weiterhin viel Spass, bleib g´sund und erlebe viel!

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